Interview mit Andrea Schacht

zu ihrem Romanen Göttertrank, MacTiger und Das brennende Gewand

In Göttertrank dreht sich alles um Schokolade und darum, wie sie zu einem wahrhaft sinnlichen Genuss werden kann. Erzählt hier eine erfahrene Naschkatze? Hat Sie die in Köln ansässige Schokoladenfabrikation zu diesem Thema inspiriert?

Zum Glück bin ich keine Naschkatze, sonst hätte meine Figur die Arbeit an dem Roman nicht ohne drastische Spuren überstanden. Aber ich schätze durchaus mal einen Bissen Schokolade. In Köln hat mich weniger die Fabrikation der Schokolade als das beeindruckende Schokoladenmuseum zum Thema angeregt.

Wie schon die Bezeichnung Göttertrank ahnen lässt, war Schokolade im 19. Jahrhundert nur für Privilegierte erschwinglich. Haben Sie Erkenntnisse darüber, wann das "gemeine Volk" in den Genuss dieser Spezialität kam?

Etwa zu der Zeit, in der Göttertrank spielt, so um 1850, wurde die Schokolade erschwinglich. Bedingt durch die maschinelle Aufbereitung der Rohstoffe, die Erfindung des zu Tafeln gepressten Kakao-Zucker-Gemischs und, nicht zu vergessen, den schnelleren Transport durch die neuen Eisenbahnen, konnte sich die Leckerei plötzlich weit verbreiten. Vorreiter dieser Entwicklung war der Engländer Fry, der 1848 seinen ersten Schokoriegel auf den Markt brachte. Seine Firma schloss sich später mit Cadbury zusammen.

Schon den Namen der Protagonistin Amara in Göttertrank möchte sich der Leser auf der Zunge zergehen lassen. Ist der Zuckerbäckerin bereits bewusst, dass die beginnende Technisierung ihrem Beruf den Zauber nehmen wird?

Eine Zuckerbäckerin wird immer einen zauberhaften Beruf haben - auch heute noch -, wenn sie handwerklich arbeitet. Aber die Rohstoffe sind leichter erhältlich und besser vorbereitet.

In den meisten Ihrer Romane begegnen uns starke Frauen, die sich der Einengung und Bevormundung durch Kirche und Konventionen widersetzen. Ist Ihnen diese Thematik ein besonderes Anliegen oder geben diese Frauengestalten dramaturgisch einfach mehr her?

Ich persönlich finde, dass ein Mensch (nicht nur Frauen), der sich kritisch, vielleicht auch konträr zu seiner Umwelt verhält, weitaus mehr Spannungspotenzial birgt als eine angepasste Persönlichkeit. Im Mittelalter bestimmte zu einem gewissen Teil die Kirche das Denken und die sozialen Formen. Verstöße dagegen führten zu Problemen. Im 19. Jahrhundert war die bürgerliche Moral das Korsett, in das man sich zu schnüren hatte. Zuwiderhandlungen konnten ebenfalls Schwierigkeiten verursachen.

Wie eine Person mit Grenzen und Grenzüberschreitungen fertig wird, das ist die Herausforderung, die ich gerne schriftstellerisch behandle. Und da ich einen Hang zum Optimismus habe, gelingt es meinen Protagonisten auch, sich dadurch positiv zu entwickeln und nicht daran zu scheitern.

Auch in Rheines Gold begegnet dem Leser mit der jungen Witwe Rufina eine starke Persönlichkeit, die allerdings auf die Hilfe des Baumeisters Silvian angewiesen ist. Treffen Sie bei Ihren Recherchen nicht häufiger auf solche oder ähnliche Konstellationen?

Wir brauchen alle hin und wieder Hilfe, auch die ganz Starken. Eine Romangestalt, die alles aus eigener Kraft bewältigt, ist für mich ebenso unglaubwürdig wie ein realer Mensch, der behauptet, immer alles im Griff zu haben.

Das Wortspiel Rheines Gold als Titel Ihres Buches führt nicht in die Zeit der Nibelungen, sondern in das Jahr 100 n. Chr., als Köln noch Hauptstadt der römischen Provinz Niedergermanien war. Was weiß man über Goldvorkommen im Rhein und den Handel damit?

Der Rhein führt auch heute noch Gold, es wird in seinem Quellgebiet ausgewaschen. Bis 1822 wurde noch ertragreich in großem Umfang Gold gewaschen, ein letzter Versuch wurde 1936 bis 1943 mit Baggern unternommen, scheiterte aber wegen der hohen Fließgeschwindigkeit durch die Flussbegradigung. Dass das Rheingold schon bei den Kelten und Römern für Münzen oder Schmuck verwendet wurde, bezeugen Inschriften wie "Ex auro Rhenano" (= aus Rheingold) oder "Ex sabulis Rheni" (= aus Rheinsand).

MacTiger, der Held Ihres gleichnamigen Romans, geistert, auf Erlösung hoffend, gleich durch mehr als zwei Jahrhunderte. Haben Sie durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit eine besondere Nähe zu geheimnisvollen Vorgängen?

Sagen wir so - es drängt sich mit einem Augenzwinkern hin und wieder ein Geist aus der einen Romanvergangenheit in eine andere. Geheimnisvolle Vorgänge entstehen wohl vornehmlich in der eigenen Vorstellungswelt, wo sie gerne auch geheimnisvoll bleiben sollen. Aber geschichtsträchtige Orte regen ohne Zweifel meine Phantasie an.

Die Freunde von Almut und Pater Ivo werden Das brennende Gewand freudig begrüßen. Haben die Leser Sie veranlasst, den Liebenden noch eine Chance zu geben, oder war die Fortsetzung der Reihe von Anfang an geplant?

Wer sagt Ihnen, dass sie noch eine Chance bekommen? Spaß beiseite - ich plane meine Romane, und auch die Reihen, zunächst im großen Rahmen, dann aber detaillierter. So ist es auch hier geschehen. Möglicherweise lief aber mein Plan, Almut und Ivo eine Chance zu geben, dem Wunsch der Leser nicht zuwider.

Der Dispens von ewigen Gelübden ist noch immer ein heißes Eisen in der katholischen Kirche...

Es gibt ausreichend Literatur zu diesem tatsächlich recht brisanten Thema, dessen Handhabung im Mittelalter ja letztlich die Reformation im 15. Jahrhundert ausgelöst hat. Die Abgeltung von bindenden Gelübden, von Pilgerreisen oder sonstigen Bußübungen durch "weltliche Werte" ist dabei stark in die Kritik gekommen.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Roman? Oder haben Sie gar mehrere "Baustellen" gleichzeitig?

Derzeit arbeite ich an einem Roman, der mich ins 19. Jahrhundert entführt. Wenn er beendet ist, werde ich wieder eine ausgiebige und lange Reise ins Mittelalter unternehmen und dort meine Bekanntschaft mit lieb gewonnenen Personen erneuern.

Vielleicht sollte ich verraten, dass meine Helden tief in den Tuchhandel und seine Fallstricke verwickelt werden und dabei der Londonhandel und die Vitalienbrüder (Piraten) eine nicht unwichtige Rolle spielen...

Die Fragen stellte Roland Große Holtforth (Literaturtest)
Berlin, Februar 2008

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