Interview mit Andrea Schacht

zu ihrem Roman Gebiete sanfte Herrin mir

Gebiete sanfte Herrin mir

Frau Schacht, sind die Jahre zwischen 1377 und 1402 in Köln aus dem Kalender gerutscht?

Nein, keine Sorge, nur weil das Kölner Stadtarchiv in ein Loch gefallen ist, sind die Jahre nicht verloren gegangen. Aber ich habe den Verdacht, dass Sie aus einem ganz anderen Grund danach fragen.

Das stimmt! Denn noch vor einem Jahr, im Juli 2008 durften sich die Fans in Das brennende Gewand über ein überaus spannendes Almut-Abenteuer freuen und, zack, gerade einmal 12 Monate später sind in Gebiete sanfte Herrin mir geschmeidige 25 Jahre vergangen ...

Wo ist die Zeit geblieben? Und vor allem: Wo sind Almuts Erlebnisse geblieben, die Fälle, die sie mit so viel Geschick aufgeklärt hat? Gibt es da etwa einen, zwei, drei Romane, die wir übersehen haben?

Ach, da kommt der Verdacht des Zeitraffers her. Nein, das hat ganz andere Gründe als irgendwelche magischen Zeitsprünge. Und niemand hat hier einen Roman übersehen, noch stecken unveröffentlichte Manuskripte in meiner Schublade, sondern nach fünf aufeinander aufbauenden Folgen aus Almuts und Ivos Leben hat sich ein sinnvoller Schluss für die beiden Helden ergeben.

Nun gibt es ja aber Autoren und Autorinnen (spontan denken wir da an Donna Leon mit ihrem Commissario Brunetti oder Patricia Cornwell mit Kay Scarpetta, Anne Perry mit ihrem Inspector Pitt ...), die legen jedes Jahr immer wieder einen weiteren Band ihrer Reihe mit den selben Protagonisten vor – die sich natürlich im Lauf der Zeit auch verändern.

Was war das deutlichste Zeichen für Sie, dass bei Almut und Konsorten nichts mehr geht, dass diese Figur auserzählt ist?

Jeder Autor hat so seine Art zu schreiben, und jede Geschichte hat so ihre Art, erzählt zu werden.

Als Almut und Ivo zu mir kamen (und bei sehr lebendigen und geliebten Figuren nehmen die Helden tatsächlich fast körperliche Dichte an), war mir von Anbeginn klar, dass ihre aktive Geschichte in der Auflösung ihrer inneren Probleme ein Ende finden würde. Almuts traumatische Eheerfahrung und Ivos Verbitterung sind geheilt, sie haben einander gefunden und ihren Frieden mit der Vergangenheit gemacht. Damit ist ein wichtiger Handlungsimpuls verschwunden.

Aber was hat Sie daran gehindert, die Erlebnisse in den Jahren, nachdem sich die beiden gekriegt haben (wie sich das für jedes große Familiendrama gehört) in einem Roman zu beschreiben? Interessanterweise deuten ja all die biografischen Daten der Figuren im Verzeichnis, „Dramatis Personae“, durchaus spannende Entwicklungen an, die in der Zeitspanne der zwei Dutzend Jahre stattgefunden haben müssen ...

Wie gesagt, die wilde Zeit für beide war nun vorüber, der Alltag trat ein. Nicht jeden Tag werden die beiden mit Verbrechen konfrontiert, die sie zu lösen haben, nicht ständig mehr müssen sie mit ihren inneren Verletzungen ringen. Natürlich verläuft ihr Leben nicht völlig ereignis- und konfliktlos, aber Stoff für wirklich spannende Geschichten lieferten die beiden mir nicht mehr. Dennoch wird über ihr weiteres Leben ja berichtet, so nach und nach.

Almut wurde nicht nur Mutter, sondern gleich Großmutter und hat sich, scheint’s, mir nichts, dir nichts, (fast) vollständig aufs Altenteil zurückgezogen.

Was für ein Gefühl ist das für die Autorin, eine solche Figur, jemanden, der einen für so lange Zeit begleitet hat, in den Ruhestand zu schicken?

Almut hat es sich verdient. Die fünf Jahre, die ich mit ihr verbracht habe, waren aufregend, ich habe sie und Ivo wirklich gut kennen gelernt – so gut, dass ich die wesentlichen Charakterzüge der beiden ihren Kindern vererben konnte, die die Eltern natürlich auch nach ihren ganz eigenen Vorstellungen erzogen haben. So hat Alyss nicht nur Ivos schwarze Haare geerbt, sondern auch seine knurrige, nüchterne Art, hinter der sie ihr einfühlsames Herz versteckt. Und Marian, der seine Mutter nicht nur äußerlich ähnelt, versucht als Mann ständig, aus dem Schatten seines charismatischen Vaters zu treten. Auf welche Art ihm das gelingen könnte, das ist ihm bisher aber noch nicht klar geworden.

Für die Leser ist es im Grunde ja extrem spannend - und ziemlich singulär (zumindest fällt mir auf Anhieb keine Buch-Serie mit einem solchen "spin off" ein) - die "next generation" bei der Arbeit beobachten zu können.

Aber wäre es für Sie als Autorin, die sich ganz bewusst von dieser einen Heldin trennt, nicht reizvoller gewesen, auch das Umfeld komplett auszutauschen und eine ganz andere Serie zu beginnen - mit lauter neuen Figuren?

Ich hatte es erwogen, aber dann anders entschieden. Für mich ist es ein ausgesprochen aufregendes Experiment zu sehen, zu welcher Art Menschen sich Alyss und Marian unter diesen Umständen entwickeln, welche Stärken und Fähigkeiten sie aus ihrem Erbe entfalten, aber auch welche Schwächen und Ängste bei derartigen „Übereltern“ entstehen. Beide, Alyss und Marian, müssen sich von ihnen emanzipieren, ohne mit ihnen zu brechen.

Darin sehe ich ein großes Spannungspotential, das über eine Serie tragen wird.

Heißt das, dass Alyss (was wir ja bei dieser sympathischen Frau sehr hoffen!) tatsächlich auch in Serie gehen wird? Und werden die Fans die Chance haben, Almut und Konsorten noch mal in Aktion zu erleben? Als Assistentin der eigenen Tochter vielleicht ...?

Ja, es ist eine Serie geplant und selbstverständlich werden Almut und Ivo im Hintergrund immer dabei sein, genau wie auch andere Figuren, die meine Leser ins Herz geschlossen haben. Diesmal sind ja schon Pitter und Lodewig aufgetaucht, und Trine wird im zweiten Teil wieder herumschnüffeln. Aber auch wenn Almut dann und wann ihre spitzzüngigen und Ivo seine knurrigen Kommentare äußern werden, die Hauptrollen übernehmen eben – wie im realen Leben auch – irgendwann die Kinder von ihren Eltern. Ich hoffe, meine Leser verstehen das und geben Alyss, Marian und natürlich auch John of Lynne eine Chance, ihre Eigenheiten zu entfalten und zu ähnlich guten Freunden zu werden wie Almut und Ivo.

Wir danken für dieses Gespräch
Die Fragen stellte Michaela Pelz (www.krimi-forum.de)
Juli 2009

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