Interview mit Andrea Schacht

zu ihrem Roman Das Spiel des Sängers

Das Spiel des Sängers

Am Anfang des Romans steht der Versuch eines Neubeginns: Nach dem Tod des Burgherrn Eberhard muss die „Lehensnachfolge“ geregelt werden. Das klingt für uns Heutige wie eine Kombination aus Erbe und Unternehmensnachfolge. Vor welchen besonderen Herausforderungen steht der mit dieser Aufgabe betraute Ritter Ulrich von den Arken?

Seine Aufgabe ist delikat. Das Lehen ist nach dem Tod des Burgherrn Eberhard an die beiden Lehnsherren, den Erzbischof von Köln und dem Herzog von Jülich und Berg zurückgefallen. Die Herren haben den Ritter bestellt, in ihrem Namen die Entscheidung über Vergabe des Lehens, das hohe Einkünfte verspricht, zu fällen.

Drei Parteien haben ihren Anspruch angemeldet:

  • Äbtissin Margarethe, Witwe des Burgherrn Eberhard, die die Burg für ihre Tochter Casta als Kunkellehen fordert, um ihr eine würdige Mitgift zu verschaffen.
  • Eberhards Bruder, der das Lehen für seinen Neffen Lucas als alleiniger männlicher Erbe beansprucht.
  • der Stiftsherr von St. Gereon, der im Namen des Erzbischofs für den Handelsherren Hinrich van Dyke das Lehen fordert, da van Dyke dem ständig notleidenden Erzbischof eine große Geldsumme geliehen hat.

Und wie nicht anders zu erwarten, sind sich die Anwärter auf das Lehen nicht eben freundlich gesonnen. Und dann passieren auch noch ein Mord und ein paar andere Unannehmlichkeiten.

Die Zusammenkunft zur Vergabe des Lehens erinnert an englische Krimis, in denen die Erben um einen Nachlass streiten – und für diesen auch zu morden bereit sind. Haben Sie bei diesen Szenen solche Vorlagen wie der Miss-Marple-Film „Der Wachsblumenstrauß“ inspiriert?

Die Konstruktion ist durchaus an die englischen Krimis angelehnt, jedoch weniger wegen der Erbschaftsfrage, sondern weil es sich um eine geschlossene Gesellschaft handelt – wenn wir auf Agatha Christie anspielen, dann eher auf den „Mord im Orientexpress“. Es handelt sich um eine überschaubare Gruppe von Menschen, die die Burg auf Ritter Ulrichs Geheiß nicht verlassen dürfen, nachdem der Burgvogt vom Söller gestürzt ist. Der Ritter und Hardo, der Minnesänger, sind die beiden einzigen, die von jedem Verdacht frei sind, den Mann möglicherweise von den Zinnen gestürzt zu haben. Sie ermitteln, während unter den Anwesenden von Tag zu Tag die Spannungen und die Verdächtigungen wachsen.

Im „Präludium“ des Buches stellt sich seine zentrale Figur selbst vor: der Minnesänger Hardo Lautenschläger. Er präsentiert sich leidenschaftlich, aber nicht skrupellos, ironisch, aber doch auch zu echtem Ernst fähig. Kennt sich Ihr Protagonist gut genug, oder verschweigt er uns hier wichtige Aspekte seiner Persönlichkeit?

Er kennt sich gut genug UND verschweigt gerade deshalb einige persönliche Geheimnisse. Es ist an Ritter Ulrich und an den Lesern, das Spiel des Sängers nach und nach aufzudecken.

Hardo inszeniert auf Burg Langel bewusst ein „Gaukelspiel“ und hantiert dabei mit den Erwartungen und Ängsten der Anwesenden. Gleichzeitig ist er selbst in großer Gefahr: Ein Meuchelmörder trachtet ihm nach dem Leben. Kann man sagen, dass der gute Minnesänger manchmal ein wenig zur Selbstüberschätzung neigt?

Sagen wir so, er hat ein gesundes Selbstbewusstsein, er schämt sich nicht sonderlich für sein gutes Aussehen, seine Sangeskunst und einige andere Fähigkeiten. Allerdings stolpert er manchmal über eben dieses Selbstbewusstsein und verletzt gerade jene, deren Gunst er eigentlich zu erringen wünscht. Er ist aber lernfähig, wenn auch unter Schmerzen.

Hardo Lautenschläger ist nicht nur ein Charakter mit vielen Facetten, er ist auch ein beeindruckender Erzähler und Entertainer. Welche Parallelen sehen Sie zwischen der Tradition der Minnesängerei und dem heutigen Schriftstellerhandwerk?

Wir sind, damals wie heute, Geschichtenerzähler, wenn auch in unterschiedlichen Formen. Vor allem, wenn man den Begriff des Sängers weiterfasst als nur den des Interpreten minniglicher Verse, dann sind die Ähnlichkeiten durchaus vorhanden.

Eine der Aufgaben der Sänger und Barden war es, eine tradierte Geschichte vorzutragen und sie dabei an die Bedürfnisse des Publikums anzupassen. So wie wir Schriftsteller auch tradierte Stoffe neu interpretieren. Ich habe beispielsweise Hardo die klassische „Heldenreise“ erzählen lassen.

Ebenso kann man neue Geschichten erfinden – das ist jene, die sich um Hardos Anwesenheit auf der Burg in der geschlossenen Gesellschaft abspielt.

Weibliche Hauptfigur des Buches ist Engelin van Dyke. Anders als ihr Vorname suggeriert, ist sie durchaus temperamentvoll und durchsetzungsfähig – „ein kleiner Widerborst“, wie Hardo bemerkt. Wer Ihre Romane um die Begine Almut kennt, wird sich in Teilen auch an sie erinnert fühlen. Was verbindet die beiden? Und worin ist Engelin ganz anders als Almut?

Ich mag widerborstige Heldinnen, sie bewahren mich beim Schreiben vor Langeweile. Aber Engelin ist weit widerborstiger als Almut, deren Spitzzüngigkeit auf ihrer geistigen Unabhängigkeit beruht. Almut ist aus der geordneten Gesellschaft nie ausgebrochen. Sie war eine folgsame Tochter, eine gehorsame Gattin und dann eine sittsame Begine.

Engelin hingegen ist mit ihrem Unabhängigkeitsdrang noch viel weiter gegangen.

Dunkle Familiengeheimnisse bilden den unheimlichen Hintergrund der Ereignisse auf Burg Langel. Ohne zu viel zu verraten: Wie sehr sind die wichtigsten Figuren von ihrer Vergangenheit Getriebene, in welchem Maße vermögen sie ihre Geschichte selbst zu bestimmen?

Aberglauben – das ist das, was jene antreibt, ihr eigenes Verhängnis heraufzubeschwören. Aberglauben in Verbindung mit Skrupellosigkeit und Aberglauben in Verbindung mit Ignoranz gibt den Weg des Verbrechens vor.

Es ist die Zeit des Umbruchs, das mittelalterlich-wundergläubige Denken weicht zu Beginn des 15. Jh. den ersten rationalen Denkansätzen. Die „Globalisierung“ des Handels mag dazu viel beigetragen haben. Diese Thematik bildet den Hintergrund des Romans.

Der Minnesänger nutzt seine Vorträge auch, um mit Fiktionen auf unausgesprochene Wahrheiten anzuspielen. Enthält auch Ihr Roman vielleicht gezielte Verweise auf unsere Wirklichkeit, die zu entschlüsseln der Leser aufgefordert ist? Und, wenn ja: In welcher Richtung könnte die Suche nach Bezügen Erfolg versprechen?

Hardo Lautenschläger erzählt die abenteuerliche Geschichte eines naiven, dummen Toren, der auszieht, die „magische Laute“ zu finden, das Musikinstrument, das ihm Glück und Erfolg bei den Frauen verspricht. Er macht dabei eine ganze Reihe Erfahrungen, die ihm eine neue Sicht der Welt eröffnen. Vor allem erlangt er eine gewisse Erkenntnis darüber, was er als persönlichen „Erfolg“ zu werten hat.

Wie weit Erfolgs-Versprechungen, die uns ja ständig gemacht werden, eingelöst werden und wieviel man davon für sich erarbeiten kann oder muss, das ist etwas, das jeder an sich selbst überprüfen darf.

Trotz der Intrigen und Ränke gibt es auch allerlei offene und versteckte Liebeleien auf Burg Langel. Waren diese in den Burggemeinschaften des Mittelalters tatsächlich so präsent wie in Ihrem Roman? Oder haben Sie hier im Verhältnis zum Überlieferten doch ein wenig dazu gedichtet?

Weder die Canterbury-Tales noch das Decamerone, beides berühmte zeitgenössische Werke, sind gewiss nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das Mittelalter war alles andere als prüde, die Minnelieder lassen dazu wenig Fragen offen. Wie man sicher den zitierten Strophen der Minnedichtung, die Hardo zur Unterhaltung singt, entnehmen kann.

Ein Komet, der „Schweifstern“, spielte für die Menschen dieser Zeit eine große Rolle bei der Deutung ihres Schicksals. Kann man sagen, dass er dadurch tatsächlich Einfluss auf dessen Verlauf bekam – auch in der Geschichte, die Spiel des Sängers erzählt?

Was man glaubt, das beeinflusst auch das Leben. Der Glaube prägt die Sicht der Welt und damit die Handlungen. Wer beispielsweise fest davon überzeugt ist, dass die Sterne sein Schicksal bestimmen (warum gibt es eigentlich noch immer Zeitungshoroskope? Na?), der hat auch immer eine prima Ausrede dafür, warum ihm das Leben so übel mitgespielt hat. Oder beurteilt andere nach der Konstellation der Sterne zu seiner Geburtsstunde.

Kometen wurden im Mittelalter – mangels besseren Wissens – als Schicksalskünder betrachtet, die mit großer Angst betrachtet wurden. Diese Angst wurde auch gerne aus machtpolitischen Gründen geschürt und hatte damit natürlich Auswirkungen auf die Ansichten und Taten der Menschen.

So geschieht es auch in der Geschichte um Hardo Lautenschläger.

Auch in Ihrem nächsten Roman, Die Ungehorsame, spielt eine Naturerscheinung eine tragende Rolle. Können Sie uns einen ersten Ausblick geben?

Bei der Hochzeit von Leonie und ihrem nicht eben geliebten Gatten bebt die Erde. Faktisch (und historisch verbürgt) und symbolisch, denn es treffen zwei Menschen zusammen, die – ähnlich wie Hardo Lautenschläger, eine ganze Menge voreinander zu verbergen haben. Eine solche Beziehung hat so ihre Erschütterungen zu durchleben, bis sich weist, ob nicht vielleicht doch ein solides Fundament vorhanden ist. Dieses Fundament ist allerdings nicht der geforderte Gehorsam.

Wir danken für dieses Gespräch.
Die Fragen stellte Roland Große Holtforth (Literaturtest)
Berlin, Mai 2010

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